Call for participation

Oder: Einladung, zur Konferenz des Bündnisses drift beizutragen

Konferenz vom 9.-11.11.2018 in Marburg

Wenn wir uns anschauen, was in der Welt so abgeht, stellen wir fest, wie
weit wir von einer Welt entfernt sind, in der alle nach ihren
Bedürfnissen und Fähigkeiten gut leben können.

Die FeindInnen der Emanzipation sammeln sich und drängen darauf,
rassistische Ungleich-heiten – meist durch die Ethnisierung sozialer
Konflikte – zu verschärfen, Menschen einer rigiden Sexualmoral
zuunterwerfen, ihnen ihre (fundamentalistischen) religiösen Dogmen
aufzuzwingen und erkämpfte Arbeitsrechte zu beschneiden. Die
unverstandenen Umwälzungen befeuern antisemi-tische
Verschwörungsideologien. Der Stand der Dinge im beginnenden 21.
Jahrhundert: Tagtäglich wird Leid produziert und werden Menschenleben
ausgelöscht.

Als Bündnis drift* gehen wir in globaler Perspektive von einer
Doppelbewegung der modernen An-timoderne aus: Nationalismus und
Islamismus. Damit meinen wir, dass diese beiden kein Rückfall in
vergangene Zeiten sind, sondern als ein Produkt der modernen
gesellschaftlichen, kapitalistischen Verhältnisse zu verstehen sind, in
denen wir leben.

Beide sind ideologische Reaktionen auf fetischisierte ökonomische und
soziale Krisenerfahrungen in einem Kapitalismus, der sich seit einigen
Jahrzehnten in einer strukturellen Verwertungs-krise befindet. Dies
drückt sich aus in einer technologischen Produktivkraftentwicklung, die
statt auf die Verwirklichung von Glück ohne Arbeit, auf eine weitere
Brutalisierung der globalen patriarchalen Herrschaftsverhältnisse
drängt. Die Folge sind Verwilderung von Arbeitsverhältnissen,
Massenarbeitslosigkeit, die Fragmentierung bürgerlicher Staatlichkeit in
weiten Teilen der Welt, insbe-sondere im nahen und mittleren Osten und
autoritäre Krisenbewältigung in den kapitalistischen Kernländern.

Der politische Liberalismus befindet sich in einer tiefen Krise, die
Attraktivität des autoritär vereinnahmten Marxismus hat längst das
Zeitliche gesegnet. So sind politische Machtva-kuen entstanden, die die
FeindInnen der Emanzipation aktuell – mit einigem Erfolg – zu füllen
trachten.

Vor allem aber sind Islamismus und völkische Rechte beide autoritäre
Bewegungen, die sich in ihrer permanenten Bedrohung für Frauen und
LGBTI*Q ähneln: Patriarchale Herrschaft ist ihre grundlegende
Schnittmenge. Beide eint die Sehnsucht nach einer militarisierten und
omnipotenten Männlichkeit, die Rhetorik des heroischen Kampfes sowie die
Verachtung für die historischen Errungenschaften der verschiedenen
Frauenbewegungen. Kurzum: Sie sind sich so ähnlich, obwohl sie einander
so verachten.

Zugleich aber stellen wir fest: Es gibt eine Konjunktur der Auflehnung
und des Widerstands. Auf der ganzen Welt finden starke feministische
Proteste statt: Auf der Straße (Demos in Argentinien, Irland, Polen
gegen Abtreibungsverbote, Proteste gegen Kopftuchzwang und Patriarchat
im Iran, gegen homophobe FamilienfanatikerInnen der manif pour tous in
Frankreich etc.) und an anderen Orten der Öffentlichkeit
(Internetkampagnen wie #metoo) und es kommt zu vielversprechenden
juristischen Auseinandersetzungen (seit letztem Sommer ist endlich auch
in Deutschland die Homo-Ehe möglich, im Personenstand wird bald ein
drittes Geschlecht eintragbar sein und der §219a wird – wahrscheinlich –
in seiner jetzigen Form gekippt werden).

Unsere Einschätzung: Die stärkste Kraft, die gerade vehement für eine
Gesellschaft eintritt, in der alle ohne Angst verschieden sein können,
ist der Feminismus. Wir sagen: Feminismus ist gerade der einzige
wirksame Hebel, um den regressiven Vergemeinschaftsideologien entgegen
zu treten!

Im Herbst werden wir eine dreitägige Konferenz veranstalten, um
unterschiedliche linke Fe-minist*innen zusammenzubringen und neue
inhaltliche und strategische Perspektiven zu entwickeln. Dabei wollen
wir euch zunächst einladen, mit uns unsere Position zu diskutieren. Am
zweiten Tag wird es Vorträge und Workshops geben. Am dritten Tag wollen
wir uns über praktische Perspektiven austauschen, wobei verschiedene
Initiativen, Gruppen und Einzelpersonen ihre Ansätze vorstellen.
Außerdem soll es eine Podiums-Abschlussveranstaltung geben.

Wir wollen auf der Konferenz gegenseitig von Erfahrungen,
unterschiedlichem Wissen und strategi-schen Perspektiven lernen und
denken, dass das nur funktioniert, wenn wir Theorie und Praxis
zusammendenken. Deswegen wollen wir Leute zusammenbringen und Vernetzung
ermöglichen.

Für dieses Vorhaben wollen wir etwas ausprobieren: Wir möchten
versuchen, dass auch Leu-te, die wir bislang nicht kennen, mit Beiträgen
vertreten sind. Deswegen laden wir alle ein, die Interesse an Feminismus
als Gesellschaftskritik haben! Wir wollen explizit verschiedene Leute
ansprechen, die sich in ihrer Politgruppe, in ihrer Lohnarbeit, in ihrem
Studium, in ihrer Gewerkschaft, in ihrer Initiative, in ihrer
Stadtteilgruppe etc. mit den Themen Geschlechterverhältnis, Islamismus
und/ oder völkische Rechte (und ihren Überschneidungen)
auseinandergesetzt haben: Wir können nur weiterkommen,
wenn wir feministisch miteinander streiten. Das heißt auch: Raus aus der
Comfort Zone!

Wir würden uns über Beiträge zu folgenden Themen sehr freuen:
• feministische Kapitalismuskritik
• Religionskritik
• Homophobie/ Transfeindlichkeit
• Zugriff auf Körper von Frauen, Körperpolitik(z.B.Abtreibungskämpfe)
• Verschränkungen von Antisemitismus/ Rassismus und
Geschlechterverhältnis
• Antifeminismus als Schnittmenge von völkischen und
fundamentalistischen Bewegungen (und Rest der Gesellschaft)
• Frauen als Akteurinnen der völkischen Rechten/ des Islamismus
• Geschlechterpolitik der völkischen Rechten
• Sexualitätsvorstellungen in der völkischen Rechten/ imIslamismus
• feministische Allianzen/ Bündnisperspektiven gegen Islamismus,
völkischen Nationalismus, religiösen/ christlichen Fundamentalismus
• praktische Politik gegen Rassismus/ Islamismus/ rechte Gewalt/
Antisemitismus etc.

Wir wollen insbesondere Frauen dazu anregen, Beiträge einzusenden. Wir
freuen uns über Recher-che-Beträge, in denen es um Netzwerke geht ebenso
wie über theoretische Inputs. Gerne hätten wir auch Vorträge mit
internationalen Bezügen! Wir wünschen uns, dass die Referent*innen sich
grund-sätzlich für praktische Politik interessieren.

Vorgesehen ist, dass Beiträge divers, z.B. als Vorträge und Workshops
aber auch als Ausstel-lungen oder Dokumentarfilm-Vorführungen, gestaltet
werden können. Vorträge und Workshops sollen einen Umfang von einer
halben Stunde bis zu zwei Stunden haben. Bitte schreibt uns bis zum
30.08.2018 an konferenz-anmeldung@feministdrift.org auf einer halben bis
einer Seite, was ihr vor-tragen/ vorstellen wollt. Gerne hätten wir noch
ein paar Angaben zu eurem politischen Background, also z.B. dem
Zusammenschluss, in dem ihr aktiv seid. Die Konferenz soll am 09.11 bis
11.11.2018 in Marburg stattfinden. Fahrtkosten für Referent*innen können
wir übernehmen.

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* Wir als Bündnis drift – feminist alliance for communism haben uns
zusammengeschlossen, um in-nerhalb feministischer und queerer Bewegungen
eine bestimmte Strömung stark zu machen: feministische
Gesellschaftskritik. Diese verstehen wir so, dass sie eine Umwälzung der
herrschenden Ver-hältnisse zum Ziel hat, die auf die Befreiung aller
Menschen abhebt und bis dahin immer eine eman-zipatorische Perspektive
im Hier und Jetzt stark macht. Uns geht es um eine Kritik der
gesellschaft-lichen Verhältnisse insgesamt, darum, das
Kapitalverhältnis, Religion und Nationalstaat zu überwin-den: Wir wollen
eine Welt, in der der Mensch kein erniedrigtes, geknechtetes,
verlassenes und ver-ächtliches Wesen ist.