Redebeitrag auf der feministischen Vorabenddemo zum AfD Bundesparteitag

Redebeitrag zum AfD Bundesparteitag in Hannover als Audio (MP3) Redebeitrag zum AfD Bundesparteitag in Hannover als Audio (MP3)

Der Aufstieg der AfD nährt sich aus der Angst weißer deutscher Männer. Sie fürchten um ihre gesellschaftliche Vormachtstellung, ihren Wohlstand. Sie haben Angst vor einer Zukunft, in der ihr Geltungsdrang ins Leere läuft. Aus dieser Angst heraus besinnen sie sich auf das was ihnen scheinbar niemand nehmen kann: Ihr Geschlecht und die Nation als heilsbringenden Überbau einer Gesellschaft.
Ihr autoritärer Wunsch nach Ordnung wird erschüttert wenn es plötzlich mehr als zwei Geschlechter gibt, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse von denen sie immer profitiert haben ins Wanken geraten. Diese Ordnung lebt in ihren Mythen von vergangener Größe. Sie lebt im Männerbund, in dem Konkurrenz immernoch in Saufritualen und Wettbewerben sublimiert werden kann, in dem der Wunsch nach Nähe in gespielter Homoerotik einen Raum findet.
Weil sie erleben müssen, dass Deutsch sein und Mann sein nicht mehr ausreichen, um den Anforderungen des Alltags zu begegnen, erfinden sie Mythen und träumen sich in eine fortlaufende Geschichte von soldatischer Männlichkeit und Tugend.
In dieser Geschichte sind sie auserkoren das sog. „Abendland“ zu verteidigen und nicht mehr der arme Hanswurst. Sie verteidigen es gegen anrückende Horden seien sie nun die Türken vor Wien oder die kolonialen Hilfstruppen bei der französischen Besetzung des Rheinlandes 1918. Verteidigt wird dabei, neben dem nebulösen Begriff des Vaterlandes, das ihre Herzen höher schlagen lässt, vor allem die herrschende Geschlechterordnung bzw. der Zugriff auf ihre Frauen.
In diesem Denken war das Geschehen der Kölner Silvesternacht ein herber Verlust. In der extrem rechten „Sezession“ verglich der rechte Publizist und AfD Berater Thor Kunkel die Übergriffe in Köln mit den, in seinem Sprachgebrauch „Notzuchtsdelikten“, nordafrikanischer Hilfstruppen in Freudenstadt 1945. Damals wie heute scheint der deutsche Mann unfähig sich zu behaupten. Schuld daran sei eine Umerziehung, ein Verlust seiner Wurzeln, ob wie damals durch die alliierten Siegermächte oder heute durch die überall gewitterte links-grüne Verschwörung. Thor beschwert sich weiter:

„Von einem Deutschen haben die Missetäter dagegen nichts zu befürchten – selbst wenn sie weiter gegangen wären. Der verhausschweinte Deutsche, dieser Jammerlappen und Moral-Krüppel, schlägt in den seltensten Fällen zurück. Er weiß doch gar nicht mehr, wie es geht…“

Auch Junge Alternative Vorsitzender Markus Frohnmaier, mittlerweile Mitglied des Bundestages beklagt diesen eklatanten Unwillen das jeweils eigene, ob nun Land, Kultur oder Frau mit Gewalt zu verteidigen:

„Echte Männlichkeit bedeutet nicht: Ich hau‘ dich um. Männlichkeit hat damit zu tun, ob jemand etwas weiß. Männlichkeit bedeutet auch, für seine Frau einzustehen und, wenn nötig, das vor der Tür zu klären.“

In dieser Logik greift der echte Mann nur zur Gewalt wenn es um Großes geht, Ehre, Frau, Nation. Als begeisterter Unterstützer der pro-russischen Milizionäre am Dombass und Mitglied in der Hooligan-Vereinigung German Defence League dürfte er, sich seinem Denken folgend, mit gutem Gewissen als echten Mann begreifen.
Der eigene Mangel, die narzisstische Kränkung, die im wahrsten Sinne des Wortes Erfahrung von Impotenz die dieser empfundene Mangel an wahrer Männlichkeit hervorruft, muss verarbeitet werden. Zum einen zur Abwertung der sogenannten fremden Kultur, hinter der sich immer noch das gute alte Wort Rasse verbirgt, als unmännlich, archaisch, weibisch. Zum anderen zu Neid, zum Beispiel wenn die Höckes dieser Welt über die starke Zeugungskraft der Männer in der Subsahara fabulieren. In beidem zeigt sich die Armseligkeit von der die ins Überproportionale aufgeblasene eigene Größe ablenken soll.

Um diesem gleichzeitgen Moment von Sexismus und Rassismus zu begegnen braucht es einen radikalen Feminismus, der zugleich antirassisitsch ist. Das beides nicht unbedingt miteinander einhergeht, ist eine Erkenntnis zu der es nicht erst die Ausfälle von Alice Schwarzer brauchte. Zahllose feministinnen of colour mussten und müssen antirassistische Positionen gegen einen weißen Feminismus immer wieder erkämpfen. Sexismus in ein „außen“ zu projizieren und als fremd zu markieren ist dabei ein Argumentationsmuster. Nicht nur RassistInnen wie Schwarzer dient das dazu das eigene unmarkiert zu lassen, die buchstäblich weiße Weste zu wahren. So entsteht ein argumentativer Raum, der frei von Sexismus sei, wo dieser fremd ist kann er nicht eigen sein und lädt auch plötzlich weiße deutsche Männer ein sich mit ihm zu beschäftigen, sich zu empören. So werden Widersprüche nivelliert, werden sexistische Positionen in eine feministische Argumentation integriert. Auch in unseren eigenen Strukturen ist dieses Denken zu finden. Dabei wird so getan als würden die gesellschaftlichen Verhältnisse vor dem Freiraum-Schild halt machen, als würden wir sie nicht selbst tagtäglich reproduzieren um zu funktionieren, nicht aufzufallen, auch einfach weil wir keine alternative Sichtweise kennen. Die Annahme es könnte einen Raum, geben der frei von Unterdrückungsverhältnissen sei ist ein schöner Traum. Anstatt zu träumen, müssen wir uns diesen Auseinandersetzungen stellen. Einen emanziaptorischen Feminismus gibt es nicht for free, wir müssen ihn uns erarbeiten. Jeden Tag, solidarisch und miteinander.

Doch wir müssen auch darüber hinaus gehen, es reicht nicht in den Rückzugsgefechten des Patriarchats für Feminismus und Freiheit einzustehen, es reicht nicht uns in unseren Zentren, in unseren WGS, bei der Arbeit dem alltäglichen Sexismus und der Gewalt entgegenzustellen, wir brauchen die Frage nach dem großen Ganzen. Wir wollen die Grundfesten der patriarchalen Ordnung erschüttern; wir wollen den Grund für die autoritären Sehnsüchte abschaffen und damit die patriarchalen Charaktere, mit denen wir konfrontiert sind. Das heißt für uns, den Kapitalismus abzuschaffen; das heißt für uns, den Nationalstaat mitsamt seiner Bevölkerungspolitik und Verwertungslogik abzuschaffen; das heißt für uns, für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der es keinen Grund gibt, Menschen in Geschlechter einzuteilen.
Der erfolgreichste Kampf gegen dieses patriarchale Elend, gegen den grassierenden Rassimus, gegen die autoritären Sehnsüchte, gegen eine Politik in der Angst anstatt Hoffnung regiert ist eine starke, selbstkritische, feministische Bewegung.
Es ist Zeit für eine feministische Offensive: The future is unwritten! Lasst uns nicht nur das Schlechte abwehren, lasst uns etwas Neues schaffen. Lasst uns eine wirkliche Perspektive auf eine bessere Gesellschaft entwickeln.
Nieder mit dem Patriarchat! AfD Bundesparteitag zum Desaster machen! Für den Kommunismus!

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