Archiv für Januar 2016

Kein Freispruch für Scheisze – Gegen Klassenjustiz und Männerbünde

Ein Flyer der Gruppe [Lisa:2], zum Prozess gegen den Verbindungsstudenten Amadeus Hölle, der seit einiger Zeit in Marburg kursiert und zeitgleich mit der Stellungnahme der ag5 veröffentlicht wurde

Kein
Freispruch für Scheisze – Gegen Klassenjustiz und Männerbünde

Am
22.11.2015 endete der Prozess gegen den wegen Totschlags angeklagten
Verbindungsstudenten Amadeus Hölle, Mitglied der Marburger
Landsmannschaft Nibelungia, mit einem Freispruch. Nach Auffassung des
Gerichts konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass der 27
jährige bei einem Streit im Oktober letzten Jahres sein Opfer nicht
in Notwehr niedergestochen hatte. Bei dem damaligen Streit war eine
Gruppe aus Verbindungsstudenten, die zuvor gemeinsam gesoffen hatten,
mit einer Gruppe junger Studierender aneinandergeraten. Inwieweit es
bei dem Streit darum ging, dass die einen Verbinder waren, ist
fraglich. Bei dem folgenden Handgemenge stach
Hölle
einem seiner Kontrahenten mit einem mitgeführten
Messer ins Herz, nachdem dieser ihn angeblich mit einer Eisenstange
von einer Baustelle angegriffen hatte.

Im Prozess wurde schnell klar, dass hier eine betrunkene Männerhorde an
eine andere geraten war, ein Ereignis bei dem in Innenstädten immer
wieder Verletzte und Tote zu beklagen sind, die ihrem (gegenseitigen)
Bedürfnis nach Verteidigung der eigenen Ehre, Reviere,
Besitzansprüche gegenüber der jeweiligen Freundin zum Opfer fallen.
Dennoch wäre es falsch, den Mord deswegen zu entpolitisieren.
Männliche Gewalt im öffentlichen Raum ist Ausdruck eines
patriarchalen Gesellschaftsverhältnisses und somit sehr wohl
politisch. Hinzu kommt, dass die Person, die in diesem Fall zustach,
kein deutscher Durchschnittsmacker ist (was schlimm genug wäre),
sondern als Verbindungsstudent Teil eines eingeschworenen, elitären
Männerbundes. In diesem werden einander Werte wie die Pflicht, die
eigene Ehre zu verteidigen und Härte gegen sich und andere zu zeigen
in ritualisierten Gewaltexzessen eingeprügelt und mit scharfer
Klinge bei der Mensur eingraviert. Dieser Fakt fiel im Prozess recht
schnell unter den Tisch, hätte er doch unangenehme Fragen
aufgeworfen: So z.B. ob nicht anstatt Totschlag Mord vorläge oder
wie sich die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Elite mit
guten Beziehungen, besonders in die Justiz, auf das Strafmaß
auswirkt.

Der Angeklagte war im Prozess nicht auf sich allein gestellt, ihm zur
Seite standen gleich drei Anwälte, von denen einer – Axel Woeller,
Alter Herr der Landsmannschaft Rhenania-Jena zu Marburg – ein
Verbandsbruder im Coburger Convent ist. Dieser dürfte besonderes
Verständnis dafür gehabt haben, dass sich der Angeklagte an den
Tatabend nur verschwommen, bzw. nur an den ‚richtigen Stellen‘
erinnern konnte. Doch auch nicht korporierten Jurist_innen dürfte es
schwer fallen, einen Angeklagten Verbinder mit der gleichen Härte zu
belangen wie den durchschnittlichen Kneipenschläger, sind ihnen doch
der Habitus und Standesdünkel von Studentenverbindungen aus dem
eigenen Studienalltag noch gut bekannt, haben sie doch vielleicht
auch manche Party auf einem der Häuser mitgefeiert. An diesem
Prozess zeigt sich nicht zuletzt, wie nützlich elitäre Seilschaften
und offensiv nach Außen getragenes Standesdünkel sein können. So
wurde dem Angeklagten bereits im Dezember 2014 ein Hafturlaub aus der
Untersuchungshaft zu Weihnachten gestattet. Ebenso ist der Verzicht
der Staatsanwaltschaft eine Anklage wegen Mordes auch nur zu
versuchen, beziehungsweise das niedrige geforderte Strafmaß im
Vergleich zum Umgang mit anderen Tatverdächtigen, blanker Hohn. Man
stelle an sich an dieser Stelle nur mal vor, der Angeklagte wäre
kein reicher, weißer Deutscher gewesen.

Eine
Krähe hackt der anderen aber nun mal kein Auge aus und wer bei
Klassenjustiz an die zwanziger Jahre denkt, wird hier eines besseren
belehrt.

Dass der Mörder zur Tatzeit ein Messer bei sich trug, versuchte er im
Prozess damit zu erklären, dass er zuvor Pilze gesammelt habe. Was
er mit der bei ihm gefundenen Zwille mit Stahlkugeln sammeln wollte,
blieb dagegen im Prozess unbeantwortet. Der Wunsch sich zu bewaffnen,
ist dabei nicht originär ein Fetisch von Verbindungsstudenten. Er
entspringt dem ständigen Gefühl von Bedrohung und Konkurrenzdenken
patriarchaler Männlichkeit. Hierzu schrieben wir 2014 unter der
Überschrift Mackerhaufen, Männerbünde, Messerstecher: [Die
Burschis fühlen]… sich durch jene bedroht, die durch ihre Existenz
oder Meinungsäußerungen ihre deutschnationalen, patriarchalen
Träume platzen lassen, also für ein solidarisches Miteinander
außerhalb von Patriarchat und Zweigeschlechtlichkeit eintreten. In
dieser Ideologie, die sich ständig durch eine als übermächtig
empfundene „Gutmenschenmafia“ bedroht sieht, ist Angriff die
beste Verteidigung. Dass aggressive Verbinder sich also mit Messern
bewaffnen, wenn sie nachts durch die Straßen ziehen, ist ihrem
Empfinden ständiger Bedrohung und der Notwendigkeit zur andauernden
Kampfbereitschaft geschuldet.Die körperliche Unversehrtheit und das
Leben des jeweiligen Gegenübers sind in dieser Logik nebensächlich,
die Burschis handeln aus ihrer Sicht heraus ja in Notwehr, indem sie
ihre Moralvorstellungen gegen eine ihnen feindlich gesinnte
Gesellschaft verteidigen.1

Klar ist (und war), dass wir
uns als radikale Linke nicht auf das Wirken der Justiz verlassen
können. Burschis, Verbindern, Rassist_innen,…, das Leben zu
vermiesen bleibt Handarbeit. Dabei das eigene Handeln kritisch zu
reflektieren und die eigenen Ansichten immer wieder zu hinterfragen
ist dabei der beste Schutz davor selbst in diese Mackerfalle zu
tappen oder die eigenen emanzipatorischen Ansprüche zu verlieren.

[Lisa:2]

1
Inwieweit dieses Bedürfnis nach Bewaffnung gegenüber einer
imaginierten Bedrohung auch auf die eigene Szene zutrifft mag jede_r
selbst entscheiden